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Zwei Arten von Gewalt

Machen wir heute einmal einen gedanklichen Ausflug in die Welt des Sports. Nicht Kampfsport oder Selbstverteidigung, sondern Baseball. Toller Sport, hierzulande aus unerfindlichen Gründen noch immer nicht ganz so beliebt wie Fußball, aber wie auch immer, zurück zum Thema. Beim Baseball versucht, vereinfacht gesagt, der Pitcher (Werfer), den Ball so in die Strike-Zone des gegnerischen Schlagmanns zu werfen, dass dieser ihn nicht bzw. nicht gut treffen kann. Dabei fliegt das manchmal über 150 km/h schnelle und recht harte Geschoss nicht selten ziemlich nah an diesem Schlagmann vorbei und hin und wieder kommt es auch vor, dass er davon getroffen wird. Normalerweise passiert das unabsichtlich, vereinzelt aber auch mit Absicht und wenn das der Fall ist bzw. wenn das von der Mannschaft des Schlagmanns vermutet wird, kommt es in äußerst seltenen Fällen vor, dass diese daraufhin auf den Pitcher losgeht und eine veritable Prügelei zwischen den beiden Teams entsteht. Die Zuschauer finden das außergewöhnliche Gerangel spannend, grölen und feuern ihr Team an, als wäre das Ganze Teil des sportlichen Kräftemessens. Irgendwann schaffen es dann Schiedsrichter, Ordner und entspanntere Teamkollegen, die Streithähne auseinander zu kriegen, ein paar Leute bekommen einen Platzverweis, das Spiel geht weiter und der Pitcher wird es mit einiger Wahrscheinlichkeit erstmal vermeiden, einen weiteren Schlagmann abzuwerfen. Ähnliche Rangeleien sieht man bei anderen Sportarten sogar noch deutlich häufiger; die meisten dürften etwas in der Art jedenfalls schon einmal gesehen haben.

Ändern wir das Szenario nun ein wenig ab. Diesmal bleibt die laute, hitzige Schlägerei aus und das Spiel geht einigermaßen unspektakulär zu Ende. Als die Spieler und die letzten Zuschauer gerade über den Parkplatz zu ihren Autos gehen, kommt unser Schlagmann auf den besagten Pitcher zu, lässt seinen Baseballschläger unauffällig aus dem Ärmel fallen, holt aus und trifft ihn mit voller Wucht an der Schläfe. Der Pitcher geht bewusstlos und mit gebrochenem Schädel zu Boden, wo der Schlagmann noch ein paarmal mit dem Schläger und einigen Tritten nachlegt bis der Kopf als solcher nicht mehr erkennbar ist. Die Zuschauer und Teamkollegen sind im Nu verschwunden, keiner grölt oder feuert an, es herrscht Stille bis irgendwann die Polizeisirenen immer lauter werden.

Beide Szenarien haben mit Gewalt zu tun und doch sind die Reaktionen der Zuschauer so vollkommen verschieden. Wie kommt das? Der große Unterschied, der an den jeweiligen Reaktionen offenbar wird, ist jener zwischen sozialer Konfrontation und asozialer Gewalt. Das erste Szenario hat einen durch und durch sozialen Charakter. Das Ziel des Schlagmanns und seiner Teamkollegen ist, beim Gegner eine Verhaltensänderung durch Stärkung der eigenen sozialen Machtposition herbeizuführen. Es geht darum, physische Dominanz zu zeigen und dem Pitcher, seiner Mannschaft und auch anderen Teams zu vermitteln: „Werft unsere Leute nicht ab, sonst bekommt ihr Ärger.“ Es handelt sich um handgreifliche Kommunikation, wie sie ganz ähnlich auch regelmäßig samstagabends vor und in Diskotheken zu beobachten ist, wenn irgendwelche Halbstarken versuchen, sich im sozialen Gefüge nach oben zu boxen. Die Ergebnisse solcher Affenpolitik sind immer auch für das soziale Umfeld von Interesse, weshalb die Plätze in der ersten Reihe begehrt und die Unterstützung lautstark ist.

Dem zweiten Szenario fehlt jeder soziale Charakter. Was dort passiert, hat keinen über die Zerstörung hinausgehenden Zweck. Die Handlungen des Schlagmanns ändern nicht die soziale Ordnung, sondern führen ausschließlich zu Terror und Tod. Das erkennt jeder von uns sofort und allein die Vorstellung, wie jemand totgeschlagen oder –getreten wird, ruft bei den meisten Leuten bereits ein starkes, auch körperliches Unwohlsein aus. Das ist der Grund dafür, dass auch jene, die sich im anderen Falle eine brutale Schlägerei anschauen und ihren Favoriten anfeuern, hier schnell das Weite suchen.

Soziale Auseinandersetzungen wiederum zeichnen sich nicht nur dadurch aus, dass sie auch in ihren handgreiflichen Varianten normalerweise, wenn nichts schiefläuft, für die Beteiligten weder schwere Verletzungen, noch den Tod zur Folge haben, sondern insbesondere auch dadurch, dass solche Handgreiflichkeiten überhaupt vermeidbar sind. Diese Art von Konflikt lässt sich mit sozialen Mitteln lösen. Der Akteur ist auf einen sozialen oder materiellen Gewinn aus, den man ihm überlassen und dadurch Gewalt abwenden kann. Diese Erfahrung hat jeder von uns schon des Öfteren gemacht. Wir haben alle nicht nur einmal erfahren, wie es ist, eine aggressive Situation durch soziale Mittel, durch Kommunikation zu entschärfen. Wir haben alle erfahren, wie man deeskaliert, sich unterordnet, aufgibt oder wegrennt, ebenso wie wir wissen, wie man Öl ins Feuer gießt und eskaliert. Was die meisten Leute noch nicht erfahren mussten und daher sehr oft nicht realisieren ist, dass das alles nur auf soziale Situationen zutrifft, dass nur diese uns solche vielfältigen Wahlmöglichkeiten lassen.

Während wir einigermaßen erfolgreich sozialisierte Menschen uns nämlich Gewalt gerne generell als Derivat einer Schulhofschlägerei vorstellen oder uns zumindest einreden, dass wir in einer solchen Situation trotzdem irgendwie unsere sozialen Regeln, unsere „Werte“ hochhalten können, zeigt die Realität immer wieder, dass ein solches Verkennen des Wesens asozialer Gewalt fatal ist. Denn es führt dazu, dass wir soziale Regeln mit in einen Raum nehmen, in dem nur physikalische Regeln gelten. Und die einseitige Beschränkung, die wir uns damit auferlegen, minimiert die Wahrscheinlichkeit, dass wir diesen Raum lebend wieder verlassen.

Es kann uns daher eine ganze Menge Vorteile bringen, wenn wir Soziales von Asozialem trennen und uns entsprechend verhalten. Sich mit Letzterem zu beschäftigen und sich eine Werkzeugkiste für den Fall der Fälle anzueignen wird Ihre Kompetenz bezüglich des Ersteren nicht beeinträchtigen, sondern tendenziell sogar erhöhen. Sie werden weiterhin nicht dem Typen, der Ihnen gerade die Vorfahrt genommen hat, an der nächsten Ampel den Schädel einschlagen. Vielmehr werden Sie wahrscheinlich sogar darauf verzichten, auch nur den Mittelfinger auszufahren und damit das Potenzial für eine körperliche Auseinandersetzung, die immer auch nicht glimpflich enden kann, zu erhöhen. Vor allem aber werden Sie ganz sicher nicht auf die dumme Idee kommen, mit einem Amokläufer oder Terroristen verhandeln oder ihn zum Aufgeben bewegen zu wollen.

Jens Misera
Gründer und Inhaber von Zielpunkttraining 

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Von |28. September 2017|