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Warum Gewalt lernen?

Ich unterrichte Gewalt. Ich zeige Leuten, wie sie den menschlichen Körper zerstören. Wie sie Luftröhren zertrümmern. Wie sie Gelenke brechen. Wie sie Augäpfel zerquetschen. Oder allgemeiner gesagt: Wie sie Verletzungen verursachen, so dass ein anderer Körper nicht mehr funktioniert.

Warum mache ich das? Wann sollten Sie jemals so etwas tun? Meiner Meinung nach dann, wenn Sie in eine Situation geraten, in der genau das und nur das dafür sorgen kann, dass Sie sie überleben.

Nun sind solche Situationen jedoch glücklicherweise sehr selten. Warum sollten Sie dann also Zeit investieren, um sich darauf vorzubereiten? Noch dazu, wenn das bedeutet, solche unangenehmen, ekelerregenden Dinge zu trainieren, es also nicht einmal Spaß macht?

Ich bin kein großer Fan vom Schwimmen. Trotzdem kann ich mich über Wasser halten, wenn ich muss und bin recht froh über diesen Umstand. Denn ich begebe mich immer wieder mal in die Nähe von Gewässern. Es kann also passieren, dass ich irgendwann einmal auf das Schwimmen-Können angewiesen sein werde. Das ist sehr unwahrscheinlich und trotzdem würde ich mich jederzeit wieder dazu entscheiden, Schwimmen zu lernen. Weil so ein Gewässer dadurch einen großen Teil seines Schreckens verliert und ich beispielsweise eine Schifffahrt entspannt genießen kann.

Gleichermaßen geht es für mich beim Erlernen von Gewalt um Angstfreiheit. Um das Wissen, was ich in dieser extrem unwahrscheinlichen Situation tun würde. Um das Wissen, dass ich mir selbst zu helfen weiß. Ich schätze es sehr, in einer Gesellschaft zu leben, in der es Regeln und Organe zur Durchsetzung dieser Regeln gibt, die dafür sorgen, dass Gewalt nicht meinen Alltag bestimmt. Ebenso sehr schätze ich es aber auch, nicht auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein, die vielleicht zu spät kommt.

Etwas zu kennen und zu können heißt nicht, es auch zu mögen und es gutzuheißen. Ich studiere und lehre Gewalt nicht, um mein Ego aufzuplustern oder um sie zur Durchsetzung meines Willens einzusetzen. Wenn Gewalt ungerechtfertigt angewendet wird, finde ich das genauso furchtbar, wie die meisten anderen Leute. Sie darf nur das letzte Mittel sein, wenn alles andere nicht funktioniert und Leben auf dem Spiel stehen. Aus moralischen Gründen, aber nicht nur aus diesen.

Denn Gewalt steht einerseits jedem jederzeit zur Verfügung. Sie kann jedoch andererseits auch jeden von uns jederzeit zerstören, egal wie viel wir trainiert haben und wie groß, stark, gut oder böse wir sind; kein Training der Welt kann uns widerstandsfähiger gegen Gewalteinwirkung machen. Jeder, der von „Selbstverteidigung“ redet ohne immer wieder auf diesen zweiten Punkt hinzuweisen, schürt eine gefährliche Illusion. Gewalt zu kennen und zu können, zu wissen, wie sie funktioniert und welche zerstörerischen Auswirkungen sie hat, bereitet daher nicht nur für den schlimmsten Fall der Fälle vor, den Sie und ich hoffentlich nie erleben werden.

Mein Training, mein Wissen über Gewalt benutze ich jeden Tag. Nicht indem ich ständig mit dem Finger am Abzug herumlaufe und mir bei jedem, der meinen Weg kreuzt, vorstelle, welche Knochen ich ihm brechen könnte, sondern durch eine veränderte Perspektive. Durch das Wissen um die Ernsthaftigkeit und das Risiko, die jede körperliche Auseinandersetzung mit sich bringt. Durch den Nebeneffekt, den solches Wissen im Umgang mit anderen Menschen hat, nämlich alles in meiner Macht stehende zu tun, um dieses Wissen nie anwenden zu müssen. Denn zu diesem Wissen gehört auch, dass Gewalt – und damit auch jede Aktion, die Gewalt provozieren könnte – immer ein Münzwurf ist, bei dem es um mein Leben geht. Und diese Münze werde ich nur werfen, wenn mir das überhaupt erst die Chance auf ein weiteres Leben eröffnet.

Wenn das der Fall ist, gibt es nur Gewalt, keine „Selbstverteidigung“ oder „Anti-Gewalt“. Alles, was es gibt, ist jemanden, der Gewalt ausübt und jemanden, dem Gewalt angetan wird, ein Subjekt und ein Objekt. Sind diese Rollen einmal vergeben, ändern sie sich nicht mehr. Sobald solche, asoziale Gewalt stattfindet, wird derjenige überleben, der weiß, wie er den anderen Körper zerstören und ein aktives Gehirn ausschalten kann. Wir üben in unseren Seminaren, wie wir dieses alles entscheidende Stück Anatomie auf den Betonboden schmettern und lernen durch die dabei zu Tage tretenden Fragilität menschlichen Lebens, zwei Dinge um jeden Preis sicherzustellen: Zum einen, das Subjekt zu sein, das Gewalt anwendet, wenn wir keine andere Wahl haben. Und zum anderen buchstäblich alles zu tun um das zu vermeiden, sofern wir den Luxus einer solchen Möglichkeit haben.

Warum also Gewalt lernen? Weil es schön ist, zu leben. Weil es schön ist, ohne Angst zu leben. Weil es schön ist, wenn es bei beidem bleibt.

Jens Misera
Gründer und Inhaber von Zielpunkttraining

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Von |09. März 2017|