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Selbstverteidigung – Mindset des Opfers

Kaum ein Schlagwort ist bei Selbstverteidigungstrainern ähnlich beliebt, wie das „Mindset“. Viele packen es einfach in irgendeine Aufzählung hinein, oder verlängern einen Absatz mit einem kurzen Satz darüber, wie wichtig wahlweise ein „aggressives“ oder „das richtige“ Mindset sei und zeigen dabei nicht die geringste Ambition, von der offensichtlichen Abwesenheit jeglichen Gehaltes solcher Phrasen abzulenken. Bei anderen wiederum werden die Ablenkungsmanöver fast schon akademisch, wenn beispielsweise eine Aufmerksamkeitsskala mit diversen Farbcodes vorgestellt und ausgeführt wird, welche Situationen mit welcher Farbe zu versehen sind. Wieder andere machen schließlich gleich auf Motivationsguru und betreiben Mindsetting, indem sie Weisheiten á la „versuche es nicht, sondern tue es“ oder „Scheitern ist keine Option“ vom Stapel lassen. Der gemeinsame Nenner von alldem ist, dass das alles in einer Gewaltsituation absolut nutzlos ist. Weder die Beschäftigung damit, vom gelben auf das rote Mindset umzuschalten, noch der enthusiastischste „Tschakka“-Ruf wird eine solche Situation zu den eigenen Gunsten ändern. Das einzige, was dazu mit der in solchen Fällen recht wünschenswerten Zuverlässigkeit geeignet ist, ist eine ernsthafte Verletzung eines oder mehrerer anderer Körper und die einzige Frage, die im Hinblick auf das Mindset sinnvoll zu stellen wäre, ist dementsprechend, welche Denkweise dieses Ergebnis wahrscheinlicher macht.

Um also über das Phrasendreschen hinauszukommen, könnte man sich unter der Überschrift „Mindset“ zunächst einmal kritisch damit auseinanderzusetzen, welche Denkweise der Begriff „Selbstverteidigung“ oder auch das „Verteidigen“ ganz allgemein transportiert. Dafür lohnt es sich, den Blick aus dem vertrauten Trainingssetting hinaus auf reale Gewaltvorfälle zu richten. Jeder ernsthafte Gewaltakt, so zeigt sich dann, hat zumindest einen Anwender von Gewalt und mindestens einen Empfänger von Gewalt. Andere Rollen oder Mischformen kommen dabei ebenso selten vor, wie ein Wechsel zwischen diesen beiden Rollen: Demjenigen, der einmal die Rolle des Subjekts inne und begonnen hat, sein Objekt zu verletzen, wird diese Rolle kaum wieder streitig gemacht werden können. Wer „Selbstverteidigung“ denkt, wählt damit jedoch die andere Rolle; die Rolle desjenigen, der auf die Handlungen eines anderen reagiert, der dessen Objekt ist und dem folglich etwas angetan wird. Er nimmt die Rolle des Opfers ein, die des Verlierers und so auch desjenigen, der die Situation in der Regel nicht überleben wird.

Wie lässt sich dieses wenig erstrebenswerte Ergebnis vermeiden? Was ist die recht simple Lehre, die sich aus der Analyse beliebiger solcher Gewalttaten ziehen lässt? Kurz gesagt: Den Verlierer hätte sein Schicksal vermutlich nicht ereilt, wenn er nicht das getan hätte, was er tat, sondern sich stattdessen die Vorgehensweise des Gewinners zu eigen gemacht hätte. Er hätte sich also nicht „verteidigen“ sollen, sondern wäre stattdessen besser selbst derjenige gewesen, der Verletzungen verursacht, der einen anderen Körper zerstört und diesem damit die Möglichkeit nimmt, selbiges mit ihm zu tun. Er hätte der Angreifer sein sollen, denn der Angreifer gewinnt. Der Angreifer ist in dieser Dichotomie derjenige, der einem anderen Gewalt antut und somit nicht derjenige, dem Gewalt angetan wird. Der Angreifer ist derjenige, der überlebt.

Gewaltverbrecher, die Gewalt als alltägliches Werkzeug zur Durchsetzung ihrer Vorhaben einsetzten, gehören nicht nur zu den unangenehmsten Leuten, denen man über den Weg laufen kann, sondern sie sind es auch, die immer wieder auf ebenso grauen- wie eindrucksvolle Art zeigen, wie man Gewaltsituationen gewinnt. Sie sehen sich nie in der Rolle des Verteidigers oder des Opfers. Statt „ich werde mich verteidigen“ zu denken, denken sie „ich werde angreifen und verletzen“. Sie kümmern sich nicht um ihre Deckung oder irgendwelche Blocks, weil sie nicht auf eine handgreifliche Interaktion mit ihrem Gegenüber aus sind, sondern ausschließlich und dementsprechend konsequent auf dessen Destruktion. Dieser Wille zum Zerstören ist das „Mindset“ von Gewinnern – und das heißt: von Überlebenden – von Gewaltsituationen. Diese Denkweise macht diese Leute zum Subjekt, sie macht sie zu Gewinnern und nicht ihr Aggressivitätsniveau, ihre Vertrautheit mit irgendwelchen Farbcodes oder besondere Motivationsschübe.

Sollte man sich solche Leute nun zum Vorbild nehmen? In nahezu jeder Hinsicht nicht. Wenn man aber in eine Gewaltsituation gerät und es mit eben diesen Leuten zu tun hat, scheint die Frage danach, ob ein potenzielles Vorbild für das eigene Verhalten lebendig oder tot ist, ein durchaus plausibles Entscheidungskriterium zu sein. Denn wie gelangen Sie auf Augenhöhe mit solchen Leuten? Nur indem Sie genauso denken. Wenn Gewalt stattfindet, gewinnt derjenige, der angreift und verletzt. Ihr gesamter Wille und Ihr gesamtes Tun muss auf dieses zerstörerische Ziel ausgerichtet sein. Alles andere kann Sie bei dessen Erreichung nur behindern und dem anderen einen Vorteil verschaffen. Und in Gewaltsituationen entscheiden solche Vorteile über Leben und Tod.

Jens Misera
Gründer und Inhaber von Zielpunkttraining  

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Von |27. Dezember 2017|