Langsame Perfektion: Über den Zusammenhang von Training und Ergebnis

Wir haben in den letzten Beiträgen bereits aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet, was das einzige zuverlässige Mittel ist, das uns zur Verfügung steht, falls wir in eine ernsthafte Gewaltsituation geraten: Selbst Gewalt anzuwenden, also Verletzungen zu verursachen, die dafür sorgen, dass der andere Körper nicht mehr funktioniert und er uns somit keinen weiteren Schaden zufügen kann. Was bisher nur am Rande zur Sprache kam ist die Frage, wie sich das am besten trainieren lässt. Dabei sind aus meiner Sicht drei grundlegende Punkte ausschlaggebend:

Erstens trainieren wir leise, während der praktischen Übungen soll keine Kommunikation stattfinden. Dieser Grundsatz ist naheliegend, denn wir trainieren für Situationen, in denen Kommunikation bereits versagt hat, in denen keine soziale Interaktion mehr stattfindet, sondern asoziale Gewalt. Würden wir diese beiden Bereiche vermischen oder gar verwechseln und uns dementsprechend an soziale Regeln halten, während der Andere sich lediglich für physikalische Gesetzmäßigkeiten interessiert, die seine Zerstörungsarbeit begünstigen, hätten wir einen entscheidenden Nachteil. Um das zu vermeiden trennen wir also Soziales und Gewalt bereits im Training.

Zweitens trainieren wir langsam, sehr langsam. Was bringt uns das? Wir werden in solch einer Gewaltsituation genau das Ergebnis bekommen, für das wir trainiert haben. Diese Aussage finden die meisten Leute plausibel oder gar selbstverständlich. Dennoch gehen in praktisch jedem Selbstverteidigungskurs die Teilnehmer mit voller Geschwindigkeit aufeinander los, machen dementsprechend jede Menge Fehler und selbst wenn sie zwischendurch einen fehlerarmen Durchgang hinkriegen, steht der Trainingspartner direkt wieder auf und es geht weiter. Jetzt nochmal der Satz von eben: Wir werden in solch einer Gewaltsituation genau das Ergebnis bekommen, für das wir trainiert haben. Wer im Training Fehler macht und sie nicht bemerkt und korrigiert, wird diese Fehler auch im Ernstfall machen. Ebenso wird derjenige, der ein verletzungsarmes Training dadurch erreicht, dass er Stellen des anderen Körpers trifft, die durch diese Treffer nicht zerstört werden, wiederum genau das tun, wenn sein Leben davon abhängt. Und genauso wie sein Trainingspartner wird auch der Amokläufer direkt wieder aufstehen und sein Vorhaben zu Ende bringen.

Wenn wir nun langsam trainieren, also statt der Zielgenauigkeit die Geschwindigkeit herausnehmen, hilft uns das in mehrerlei Hinsicht. Zum einen erlaubt es uns, jeden unserer Fehler zu bemerken und zu korrigieren, statt ihn uns einzuprägen. Zum anderen können wir auf diese Weise für genau das Ergebnis trainieren, das die Situation dann, wenn es darauf ankommt, zu unseren Gunsten ändert: Eine ernsthafte Verletzung. Um das zu erreichen benötigen wir bei jedem Treffer sowohl Genauigkeit, als auch den Einsatz des Körpergewichtes. Wenn wir daneben treffen, ändert sich die Situation nicht. Wenn das Körpergewicht fehlt, geht nichts kaputt und es ändert sich wiederum nichts. Wir prägen uns alles, was wir für dieses Ergebnis benötigen langsam, aber dafür perfekt ein. So sorgen wir dafür, dass wir auch dann, wenn wir die Geschwindigkeit erhöhen – worunter die Präzision der Ausführung immer leiden wird – noch zuverlässige Ergebnisse erhalten. Der erfreuliche Nebeneffekt davon ist, dass wir Trainingsverletzungen fast vollständig vermeiden können und unser Trainingspartner sich auf seine Aufgabe konzentrieren kann.

Damit wären wir bei Punkt drei, denn die Aufgabe dieses Trainingspartners besteht nicht etwa darin, irgendwelche Angriffe auf uns oder sonstige Szenarien zu simulieren. Das wäre zum einen nicht zweckmäßig, weil man so immer nur für einen winzigen Ausschnitt der unendlich vielen möglichen Szenarien trainieren würde und die Wahrscheinlichkeit, dass gerade eines dieser Szenarien eintritt sehr gering ist. Zum anderen ist das auch gar nicht notwendig, denn das, was wir tun müssen ist immer das gleiche und unabhängig davon, was der Andere tut: Seinen Körper so verletzen, dass er nicht mehr funktioniert. Solche ernsthaften Verletzungen haben eine unwillkürliche, reflexbasierte Reaktion zur Folge. Das Modellieren dieser Reaktion ist die Aufgabe unserer Trainingspartner, damit derjenige, der gerade aktiv trainiert, sich neben perfekten Bewegungsabläufen zusätzlich auch das Ergebnis einprägt, das die jeweilige Aktion bewirkt. Wenn er das Erlernte irgendwann anwenden muss und diese Reaktion nicht sehen sollte, weiß er sofort, dass er etwas falsch gemacht und nichts Relevantes bewirkt hat. Und wenn er sie sieht, erschrickt er nicht vor seiner eigenen zerstörerischen Effektivität, sondern blickt auf etwas Erwartetes und weiß dementsprechend auch bereits vorab, welcher Zielpunkt und welche Aktion sich als nächstes anbieten werden.

Leise, langsam und mit realistischem Ergebnis – spektakuläre Trainingskämpfe bleiben bei diesen drei Grundsätzen ebenso auf der Strecke, wie Fitness und Spaß. Wenn wir aber  wirklich einmal in solch eine asoziale Gewaltsituation geraten sollten, werden auch wir das bekommen, wofür wir trainiert haben: Genaue Treffer mit der gesamten Körpermasse. Und die sorgen für alles, was wir brauchen. Aus einem gefährlichen, aktiven Angreifer wird ein hilfloser, verletzter Körper, von dem wir nichts mehr zu befürchten haben.

Jens Misera
Gründer und Inhaber von Zielpunkttraining 

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Von |28. Mai 2017|