Kämpfen wie ein »Soziopath«

Von Selbstverteidigung hält Jens Misera im Ernstfall wenig. Sein »Zielpunkttraining« setzt bewusst dort an, wo nur mehr brutale Gewalt hilft. Aber ist man als Durchschnittsmensch bereit, Kiefer zu brechen und Schienbeine durchzutreten?

Von Ulrike Weiser, erschienen in »Die Presse am Sonntag« vom 5. Januar 2020. Foto: Daniel Novotny.

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Es erinnert an eine absonderliche Tanzszene. Ein Mann liegt am Boden, leicht gekrümmt. Der andere steht über ihm, hebt in Zeitlupe das Bein und stoppt. Er überlegt, wo er hintreten soll. Knöchel, Bauch, Ohr? Schließlich senkt er die Ferse auf den Hals. Ganz langsam, sachte. Der andere öffnet die Lippen und formt einen lautlosen Schrei.

Stille ist Voraussetzung bei diesem stummen Ballett der Gewalt, das acht Männer und drei Frauen in den U-Bahn-Bögen der Sportunion Döbling aufführen. Orchestriert wird es von Jens Misera – Jahrgang 1981, raspelkurzes Haar, groß, schwarze Jeans, Trainingsjacke, ernstes Gesicht. Wenn nicht geredet werde, sei es einfacher, den anderen nicht als Mitmenschen, sondern als Objekt zu betrachten, erklärt er. Und genau das soll hier gelernt werden. „Ihr kanntet Gewalt bisher nur aus der Verliererperspektive. Jetzt lernt ihr die Sicht eines Soziopathen“, sagt er. „Auf Augenhöhe mit einem Wahnsinnigen kommen“ – das ist das Ziel.

Das von Misera entwickelte „Zielpunkttraining“ unterscheidet sich deutlich von den üblichen Selbstverteidigungskursen. Misera, der zehn Jahre in verschiedenen Sicherheitsfirmen tätig war, unter anderem in Israel, hält weder etwas von Selbstverteidigung noch von Kampfsport. Beides sei zu kompliziert. „In Stresssituationen ist das alles weg. Im Ernstfall gewinnt der mit der kürzesten To-do-Liste.“ Und es gehe bei ihm auch nicht um Verteidigung, sondern um Angriff: „Wer die erste ernsthafte Verletzung schafft, gewinnt.“ Die Methode setzt dort an, wo alle anderen Optionen vorbei sind. Wenn man weder ausweichen noch verhandeln noch deeskalieren kann, wenn es nur um eines geht: Er oder ich. Misera nennt das „asoziale Gewalt“.

Messertanz. An der Wand im Turnsaal hängen Plakate mit der Vorder- und Hinteransicht eines menschlichen Umrisses. Auf dem Körper sind kleine Kreuze und rote Kreise eingezeichnet: „Verletzungspunkte“, die man treffen muss, um effizient „Funktionen“ auszuschalten. Augen, Kniekehlen, Hals etc. Die Waffen dafür hat man immer dabei: Ellenbogen, Knie, Faust.

Es ist Tag zwei des Trainings und nach der morgendlichen Übungseinheit kommen nun die Waffen dran. Man solle lernen, dass nicht alles verloren sei, nur weil der andere eine Waffe habe, erläutert Misera. Zur Einstimmung hat er ein Flipchart vorbereitet: Darauf hat er verschiedene Optionen geschrieben, sich gegen einen Messerangriff zu verteidigen. Nur um dann alle rot durchzustreichen. Denn: „Es gibt keine Verteidigung bei einem Messerangriff.“ Außer: Selbst anzugreifen.

Misera teilt schwarze Hartgummimesser aus. Er erklärt, wie man ein Messer hält: In der Faust „mit weißen Fingerknöcheln“, also richtig fest. Er erläutert den Vorteil des Messers. „Ich komme an Dinge ran, an die ich sonst nicht rankomme: Halsarterie, Leber, Milz, Nieren.“ Ein Stich in den Beckenboden beraube den anderen der „Rumpfstabilität“.

Bevor es losgeht, folgt noch ein Hinweis: Nie dem Partner nach dem Entwaffnen die Waffe zurückgeben. Er kenne zumindest zwei Fälle, sagt Misera, wo jemand, nachdem er es im Ernstfall unglaublicherweise geschafft habe, einen Angreifer zu entwaffnen, diesem das Messer zurückgegeben habe. Weil er es so geübt hatte.
Nachdem Misera mit Assistentin Rike die Übung vorgezeigt hat – vor allem, wie man aus einem Schritt die Kraft für den Schlag oder den Stich mitnimmt, setzt wieder das stumme Ballett ein. Wie ein Tanzlehrer beobachtet Misera die Paare, korrigiert da und dort leise die Haltung, gibt Tipps.

Holz hacken. Langsam beginnen sich Schweißflecken auf den T-Shirts abzuzeichnen. Trotz Zeitlupentempo ist es offenbar anstrengend. Auch die Konzentration lässt nach, es wird gekichert, die Lust am – wenn auch stillen – Schauspiel wächst. Bei „Treffern“ verzerrt man comichaft das Gesichter. Eine „asoziale Atmosphäre“ ist für soziale Wesen eben schwer auszuhalten.

Toni, 54 und schmal, lässt sich beim Mattenstapel nieder: „Ich brauche eine Pause“, gesteht er. Nicht nur physisch – das Kreuz zwickt -, sondern auch mental ist der Lehrer erschöpft. Denn seit Stunden nichts anderes zutun, als zu entscheiden, wie man einem anderen wehtue, das fühle sich seltsam an. Nämlich wie genau? „Na, beschissen. Eigentlich widerstrebt mir Gewalt. Ich bin relativ sensibel.“

Dabei wartet die nächste Herausforderung für empfindsame Seelen schon. Auf die Messerlektion folgen die Hiebwaffen. Schlagstock, Hammer, „aber bitte kein Regenschirm – der ist nicht stabil.“ „Damit habe ich direkt Zugang zum Gehirn“, erläutert Misera recht plastisch den Vorzug des schwarzen Hartgummistocks. Es gehe hier um ganz einfache Bewegungen des Alltags: wie Holz hacken oder ein Tischbein zerschlagen. Man müsse „in eine Niere so hineintreten, so wie man eine Latte aus dem Zaun raustritt.“ Immer mit vollem Körpergewicht. Der Trick sei: Man „interagiert nicht mehr mit einer Person, sondern bearbeitet ein Objekt.“

Wer hat hier Angst? Ja, geht das denn überhaupt? Könnte man das – im Ernstfall? Die Frage beschäftigt die Teilnehmer in der Mittagspause im nahen Café. „Ich glaube nicht, dass sich der Durchschnittsösterreicher vorstellen kann, so vorzugehen“, sagt der frühere Bundesheer-Sanitäter aus dem Burgenland. Er hat den Kurs seiner Frau Birgit zum Geburtstag geschenkt, weil diese in Wien eine Ausbildung macht und daher spätabends mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist. Hat Birgit Angst in Wien? Sie lächelt kauend. „Nein, ich bin ohnehin selbstbewusst, aber ich war neugierig, was man hier lernt.“ Eine Mischung aus Neugier und Pragmatismus: Dieses Motiv zieht sich durch die Gruppe, die – wohl aufgrund der nicht gerade billigen Kursgebühren – einen eher höheren Altersdurchschnitt aufweist. Keiner hier hat richtig Angst, niemand hat traumatische Erfahrungen mit Gewalt auf der Straße gemacht. Aber man hat das Gefühl, dass es schlau sei, sich vorzubereiten. „Wissen Sie“, erklärt der Unternehmensberater aus Wien, „ich kann mit Worten umgehen, ich kann verhandeln, ich kann deeskalieren, aber wenn das nicht reicht, was mache ich dann?“ Er fühle sich in Wien sehr sicher, aber so ein Kurs sei eine vernünftige Vorbereitung auf ein seltenes, aber – falls es doch passiere, eben dramatisches – Risiko.

Ganz ähnlich sehen es Gerhard und Regine, ein weit gereistes Paar in den Fünfzigern, das diesmal nach Kolumbien will: „Es ist eine Art Reisevorbereitung.“ Man habe etwas „Kompaktes gesucht“, einen Wochenendkurs, und sei zufrieden: „Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass man nicht unbedingt verloren hat, wenn einer ein Messer hat.“

Eine Pistole ist auch nur Energie. Weiter geht es im Kurs nun jedoch mit einem anderen Kaliber. Und zwar wortwörtlich. Auftritt der Pistolen. Die stummen Tanzszenen von Beginn haben sich nun in Filmszenen verwandelt. Man hat wieder Zweiergruppen gebildet und steht hintereinander. Der/die eine drückt dem/der anderen eine Hartgummi-Pistole zwischen die Schulterblätter. Die Aufgabe des „Opfers“ lautet: Umdrehen und einen Faustschlag auf dem Kiefer des anderen platzieren. Natürlich ganz langsam.

Die Bewegungen wirken inzwischen flüssiger. Nach zwei Tagen merkt man die Routine. Zweifel, ob das im echten Leben klappen könnte, gibt es trotzdem. Eine Pensionistin, 67, zeigt kurz auf: „Waffen verunsichern mich.“ „Wichtig ist, sich nicht auf den Gegenstand zu fokussieren. Konzentrier dich auf den Punkt, den du verletzen willst“, empfiehlt Misera. Eine Pistole sei auch bloß ein „Vektorproblem“: „Das ist nur Energie, die auf mich zielt.“ Große Augen. Misera ergänzt etwas griffiger: „Die wichtigste Waffe ist das Gehirn. Alle Entwaffnungen finden“ – er tippt an die Stirn – „hier oben statt. Es braucht die Entscheidung, das zu wollen.“

Fifty-fifty. Aber will man denn? Denn wie ist das rechtlich mit der Philosophie des ersten Angriffs? Ist das noch Notwehr? Bekommt man da nicht Probleme? Das interessiert auch die Teilnehmer: „Was mache ich eigentlich, wenn ich bedroht werde, aber nicht weiß, ob er wirklich angreift“, fragt denn dann auch einer. Für Misera sind solche Sorgen hörbar eher Theorie: „Wenn ich erst nachdenken muss, ob ich das anwenden soll, ist das keine Situation, in der ich das anwenden muss.“ Und: Dass man selbst den allerersten Angriff mache, sei eher eine „idealistische Vorstellung“. Es habe einen Grund, warum die Übung oft erst anfange, wenn man am Boden liege. Zu einer Lösung, die die Polizei empfiehlt, tendiert er übrigens nicht: Pfefferspray. Laut Polizei ist damit die Gefahr einer Notwehrüberschreitung geringer, da sein Einsatz nur zu einer vorübergehenden Gesundheitsbeeinträchtigung ohne Dauerfolgen führt. Für Misera „zu unsicher“.

Für Wolfgang, 67, pensionierter Schiedsrichter der Regionalliga, ist jedenfalls klar: „Nur weil mir einer eine Watsche gibt, setze ich das aus dem Kurs nicht ein. Da muss schon mein Leben in Gefahr sein.“ Klingt nicht danach, als ob die Teilnehmer darauf brennen, das Gelernte auszuprobieren. Und das ist wohl auch nicht der Sinn. „Das Beste, was man hat, ist eine Fifty-fifty-Chance“, sagt Misera. An Tag eins hat er grausige Bilder von Verletzungen herumgereicht. Damit den Teilnehmern klar wird, wie leicht es ist, andere schwer zu verletzen, aber auch – im Umkehrschluss -, wie leicht man selbst schwer verletzt werden kann. Und das nur mit einem Ellenbogen.

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© 2020 Die Presse am Sonntag.

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