Abschied vom Wohlfühlprogramm

Das übliche Selbstverteidigungstraining ist ein sozialer Event. Man trifft jede Woche nette Bekannte, macht hin und wieder neue Bekanntschaften und kann sich nebenbei über gemeinsame Interessen austauschen und plaudern. Es macht Spaß. Es hält (oder macht) fit. Und wenn man seinem restlichen, weniger aktiven Freundeskreis am nächsten Tag beim Kaffeetrinken davon erzählt, kann sich jeder etwas darunter vorstellen. Manch einer wird anmerken, dass er sowas wirklich auch mal anfangen sollte und keiner wird das Thema als störend oder unpassend empfinden. Es ist sozial akzeptabel. Es fühlt sich gut an.

Diesen Wohlfühlfaktor muss man den ganzen Selbstverteidigungsangeboten wirklich lassen. Es ist ein Hobby, eine Sportart wie viele andere auch und vor allem: Man behält seine weiße Weste. Stets hat das Training den Charakter eines Spiels, eines Wettkampfes, einer freundschaftlichen Rangelei. Mal funktioniert es, mal nicht, wie auch immer, man hält den Sportsgeist hoch, hilft einander auf, lässt los, wenn abgeklopft wird und erfreut sich daran, beim gegenseitigen Kräftemessen auch immer mal wieder zu gewinnen. Egal welches Szenario dabei nachgestellt wird, egal wogegen man sich verteidigt, ob es sich um einen Messerangriff handelt, ob eine Schusswaffe im Spiel ist oder sogar mal eine Spezialtechnik für die blaue Gummiversion einer AK-47 ausprobiert wird, man selbst bleibt „sauber“ und begibt sich nicht auf das Niveau der angreifenden Unmenschen. Entwaffnen und dann am Boden fixieren oder wegrennen, das kann man sich gut vorstellen. Das ist nicht eklig, in der Rolle fühlt man sich wohl. Die moralische Ordnung ist klar: Zum einen ist da der Angreifer, der brutal auf sein Opfer losgeht und somit unschwer als Bösewicht identifizierbar ist. Man selbst hingegen würde nie angreifen, das wäre mit dem Saubermann-Image nicht vereinbar. Stattdessen reagiert man nur auf die Gewalt des anderen, wehrt ab, tut das Notwendigste um sich zu verteidigen.

Apropos verteidigen: Wissen Sie, wer sich mit Verteidigungswunden beschäftigt? Forensiker. Man findet sie auf Leichen.

An dieser Tatsache offenbart sich bereits das grundlegende Problem jeglicher Art von Selbstverteidigung: Die Verlierer von Gewaltsituationen tun alles um sich zu verteidigen, während die Gewinner keinen Gedanken ans Verteidigen verschwenden und stattdessen einfach nur ein Objekt zerstören. Nachdem sich bei Gewalt noch dazu ein sehr starker Zusammenhang von gewinnen und überleben bzw. von verlieren und sterben beobachten lässt, bietet sich der Schluss an, dass es sinnvoller ist, die Vorgehensweise dieser lebendigen Gewinner als Blaupause für unser eigenes Handeln in einer Gewaltsituation heranzuziehen, als jene von moralisch überlegenen Leichen.

Die Erkenntnis, die schlussendlich hinter solchen Überlegungen lauert, ist, dass alles – wirklich alles –, was sozial akzeptabel ist, vollkommen wirkungslos ist, wenn man es mit ernsthafter, asozialer Gewalt zu tun hat.

Wenn Sie bereit sind, diese Wirklichkeit zu akzeptieren, können wir gemeinsam womöglich einen Mord verhindern. Den an Ihnen. Wie machen wir das? Zunächst einmal schnappen wir uns einen dieser großen blauen Müllsäcke und entsorgen alle Trainingsbestandteile, die diesem Ziel nicht dienlich sind. Viel bleibt dann nicht übrig. Mit Techniken können wir sowieso nichts anfangen und alles, was an einen Wettkampf erinnert, hat in einem solchen Training ebenso wenig zu suchen wie soziale Interaktion. Vom Plaudern, Lächeln, Zuzwinkern, einander Aufhelfen und allem, was sonst noch in die Kategorien sportliches Verhalten oder Fairness passt, werden wir uns also verabschieden müssen. Denn unser Gehirn soll das Gelernte in die richtige Schublade sortieren – eben in jene für asoziale Gewalt und nicht in die für Kommunikation. Was kommt in diese Schublade, was wollen wir lernen um unser Ziel zu erreichen? Jene unglaublich wirkungsvollen Prinzipien der Gewaltanwendung, von deren Ergebnissen wir bereits abgestoßen sind, wenn wir nur in der Zeitung von ihnen lesen.

Der Abschied vom Wohlfühlprogramm Selbstverteidigung zugunsten des Erlernens effektiver Gewaltanwendung bringt dementsprechend diverse Nachteile mit sich: Die Beschäftigung mit solchen Dingen ist für uns Nicht-Soziopathen eklig und unangenehm, der Spaß beim Training hält sich also in Grenzen. Fit macht es auch nicht. Und für den Smalltalk beim Kaffeetrinken ist es bestenfalls bedingt geeignet. Das Ganze hat aber auch einen entscheidenden Vorteil: Sie lernen Gewalt aus der Perspektive des Gewinners kennen. Sie sehen, wie er an die Problemstellung herangeht. Wie er sie löst. Was er tut. Und Sie machen die äußerst beruhigende Erfahrung, von der unsere Teilnehmer immer wieder berichten: Sie können das auch.

Jens Misera
Gründer und Inhaber von Zielpunkttraining

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Von |26. Juli 2017|